Skærmbillede 2013-11-11 kl. 22.01.06
Von Sonja Woitschek – Ja, es ist gemein. Zurück zu Hause nach der Diagnose multipler Intoleranzen, und schon sind sie da, die neuen Gefühle. Angst, trotz vollem Kühlschrank zu verhungern. Zweifel, ob diese strenge Diät wirklich hilft. Bitterer Neid, wenn andere essen, worauf wir solchen Hunger haben. Unverständnis, dass es uns trifft und nicht den unfreundlichen Kollegen aus der Buchhaltung. Wut, dass es Leute gibt, die aus purer Geltungssucht Intoleranzen erfinden und uns das letzte glutenfreie Müsli vor der Nase wegkaufen.

In meinem Fall war und ist der Futterneid das größte Problem. Es ist schon vorgekommen, dass ich ein wichtiges Meeting in der Arbeit verlassen habe, weil meine Kollegen die Dreistigkeit besessen hatten, Pizza zu bestellen. Hallo? Konnten die nicht riechen, dass ich Pizza am allermeisten vermisse? Ich träume nachts nicht von Josh Duhamel, auch nicht von Channing Tatum, nein, nicht mal von Ryan Gosling. Ich träume von einer fettigen Pizza mit Thunfisch und Zwiebeln. Mit extra Käse.

Zur Erklärung meiner Pizza-Fixierung liefert der amerikanische Psychologe Clayton Alderfer die Frustrations-Hypothese, die besagt, dass ein nicht befriedigtes Bedürfnis dominant wird. Oh ja. Ich denke noch oft an das süße Punker-Mädchen mit den pinken Haaren, das es sich eines Abends in der U-Bahn neben mir mit einer Pizza (natürlich Thunfisch!) gemütlich machte. Sie ahnt es bis heute nicht, aber sie ist damals mit ihrem genüsslichen Geschmatze nur knapp einem schrecklichen Gewaltverbrechen entgangen.

Der gute Clayton hat auch noch die Befriedigungs-Progressions-Hypothese aufgestellt, und auch die kann ich nur bestätigen: Durch die Befriedigung eines Bedürfnisses wird das hierarchisch höhere aktiviert. Wenn es mir nur dreckig genug geht, bin ich schon glücklich, wenn die schnöden Reiswaffeln meinen Bauch nicht ärgern. Da können die Leute mir sogar eine Pizza vorkauen, Hauptsache, ich bin halbwegs symptomfrei. Sobald es mir aber wieder besser geht, will ich essen können, was ich will.

Meine liebste ist die Frustrations-Progressions-Hypothese: Ein auf Dauer nicht befriedigtes Bedürfnis kann mit der Zeit zur Persönlichkeitsentwicklung beitragen und zu höheren Anspruchsniveaus führen. Stimmt, auch das habe ich erlebt. Snickers. Liebe meiner Jugend. Es gab Zeiten, in denen 3 Snickers pro Tag wenig für mich waren. Klar habe ich meine Snickers sehr vermisst, als ich anfangs darauf verzichten musste. Aber mittlerweile habe ich so viel über gesunde Ernährung und die Auswirkungen verschiedener Nahrungsmittel auf den menschlichen Körper gelernt, dass ich Industriezucker als Dreck betrachte. Ich möchte meinem Körper Nahrungsmittel zuführen, die ihm gut tun, nicht solche, die ihn zerstören. Dazu braucht es keine Intoleranzen. Ich weiß nicht, ob ich Snickers und Co. wieder essen würde, wenn meine Intoleranzen verschwinden würden.

Die graue Theorie mag uns ja trösten, weil sie uns erklärt, was mit uns geschieht. Aber wie gehen wir nun damit um? Hochzeiten mit üppigen Buffets, Grillfeste mit Kollegen, Koch-Abende mit Freunden, Mädelsrunden im Café – dies alles sind Situationen, in denen wir mit der Herausforderung konfrontiert werden, die Geselligkeit genießen zu können, ohne dabei mit zusammengepressten Lippen und Kinnwasser gelb vor Futterneid zu werden.

Es ist gemein, es ist unfair, es ist grausam. Aber wir müssen verstehen, dass es allein unser Problem ist, dass wir nicht essen können, was wir wollen. Können wir wirklich verlangen, dass unser Umfeld ständig Rücksicht auf uns nimmt? Ich persönlich will das nicht, weil die Problematik damit noch mehr Raum bekommt, als sie sowieso schon einnimmt. Trotzdem finde ich es immer wieder sehr rührend, wenn meine Kollegin sich mit ihren Pralinen hinter ihrem Bildschirm versteckt, in der festen Überzeugung, dass ich davon nichts mitbekomme.

Den Hochzeitsboom in meinem Freundeskreis habe ich prima überstanden, indem ich das Essen, das die Köche mir gemäß Absprache zubereitet haben, ganz bewusst genossen und mich während der Dessertschlacht unauffällig zu einem Spaziergang zurückgezogen habe. Erstens muss ich mich so einer Quälerei nicht aussetzen, zweitens gibt es auch Menschen in unserem Umfeld (insbesondere die, denen an uns liegt), die ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn wir mit großen Augen auf ihre Teller starren. Ich nehme mir gelegentlich die Freiheit, an Unternehmungen, bei denen das Essen ganz klar im Mittelpunkt steht und bei denen es für mich keinen schmackhaften Ersatz gibt, einfach nicht teilzunehmen oder erst zu späterer Stunde, wenn die Teller leer sind, aufzutauchen. Am leichtesten ist es für mich, wenn ich selbst für meine Freunde koche. Ich lasse meine ganze Kreativität in der Küche raus und darf am Ende alles essen, was auf dem Tisch steht.

Die gute Nachricht ist, dass es besser wird. Es bleiben spezielle Lebensmittel und Gerichte, für die wir morden würden, natürlich. Aber wir gewöhnen uns bis zu einem gewissen Punkt daran und es gibt gute und schlechte Tage. Manchmal ist es gar nicht so schlimm, wenn andere in unserer Gegenwart Dinge essen, die wir nicht vertragen. Wir wissen, dass es uns krank machen würde und genießen die Nahrungsmittel, die uns gut tun. Das Leben mit Intoleranzen ist immer wieder ein Kraftakt, aber wie Jane Austen schon sagte: „Dass uns ein Teil vom Glück fehlt, sollte uns nicht davon abhalten, alles andere zu genießen.“